Freitag, 3. Dezember 2010

WULULULULULULULU!

Ich will nun mal mein aktuelles Projekt zeigen, welches im Rahmen der Illustrationsklasse von Mariola Brillowska  entsteht.
Dazu gehört jeweils eine Kurzgeschichte und eine Illustration.
Im folgenden die ersten beiden Geschichten mit den dazugehörigen Illustrationen.
Insgesamt werden es aber um die sechs Stück werden.
Viel Spass :)
Alte Frau

Auf der vierten Etage eines hässlichen, zwischen zwei nicht ganz so hässlichen Altbauten eingeklemmten Plattenbaus, gibt es zwei Wohnungen. Eine davon ist meine, in der ich alleine lebe. Die andere gehört einer sehr alten Frau, von der ich nicht mal den Namen weiß. Die Frau wohnt ebenfalls völlig alleine. Ich habe so gut wie keinen Kontakt zu ihr. Ich sehe sie kaum. Sie verlässt wohl nur selten die Wohnung. Ich bin auch nicht immer da. Die einzigen Momente, wo so etwas wie Kontakt statt findet, sind die, wenn wir uns im Treppenhaus zufällig über den Weg laufen. Dann wird allerdings auch nie mehr als „Guten Tag“ genuschelt. Dabei wird auf den Boden geschaut, wobei es mir immer förmlich das Herz zerreißt. Diese kleine Frau kann nur winzige, tribbelige Schritte machen. Sie leidet anscheinend an einer Krankheit, vermutlich Gicht. Vier Etagen schleppt sie sich zu ihrer Wohnung hoch. Warum sie sich nicht einfach eine andere, im Erdgeschoss gelegene Wohnung sucht, weiß ich nicht. Vielleicht, weil die ganze Mühe und Anstrengung die so ein Umzug bereitet, wohl einfach zu viel für sie wäre. Dazu kommt wahrscheinlich noch so etwas wie Alterssturheit, aus der heraus sie sich vielleicht sagt: „Jetzt bin schon so lange hier, warum soll ich denn umziehen? Außerdem lohnt sich das bei mir doch sowieso nicht mehr.“ Irgendetwas in der Art. Man weiß es nicht.

Bei diesen Treffen stelle ich mir auch immer vor, wie ich sie auf eine Art Rückengestell packe. Ich trage sie hoch. Das ist natürlich lächerlich, da ich mich nicht einmal dazu durchringen kann, bei ihr einfach zu klingeln, um ihr Hilfe anzubieten: „Wenn Sie irgendetwas brauchen, geben Sie mir Bescheid.“ Da ich sie aber nie mit Einkaufstüten gesehen habe, hat sie scheinbar jemanden, der für sie einkauft, den ich aber auch noch nie gesehen habe.
So geht das weiter, eine ganze Zeitlang. Irgendwann begegne ich ihr nicht mehr im Treppenhaus. Zuerst denke ich mir nichts dabei. Ich bin sogar beinahe erleichtert, nicht mehr mit ansehen zu müssen, wie sich dieser kleine, gebeugte Mensch die vielen Treppen hoch müht. Aber dann sorge ich mich doch: „Ist ihr etwas zugestoßen? Ist sie vielleicht gestorben?“ Das glaube ich dann aber doch nicht, da ich das wahrscheinlich mitbekommen hätte. Da hätten irgendwelche Ärzte oder Krankenwagen vor dem Haus gestanden. Eine Weile später schrecke ich in der Nacht auf. Von nebenan höre ich Gepolter und Klopfgeräusche durch die Wand. Dazwischen kurze Pausen, dann wieder, dann wieder nichts, dann dringen erneut noch ein paar Klopfgeräusche durch die Wand. Dann ist es still. Ich drehe mich auf die andere Seite. Ich schlafe wieder ein.

Am nächsten Morgen werde ich von den Sirenen geweckt. Ich laufe das Treppenhaus runter. An der Straße stehen tatsächlich mehrere Krankenwagen. Gerade kann ich noch sehen, wie die alte Frau auf einer Trage in einen der Krankenwagen hinein geschoben wird. Ich schaue den Sanitätern einen Augenblick zu, bis sie wieder eingestiegen sind. Das alles kommt mir erstaunlich lange vor. Muss das bei Notarzteinsätzen nicht immer alles zackzack gehen, bloß keine Zeit verlieren? Irgendwann wird es mir zu kalt und ich gehe wieder hoch in meine Wohnung. Ich lege mich ins Bett.
  




Treffen

Ich weiß nicht genau wie viel Uhr es ist, aber ich gehe gerade nach hause. Eigentlich muss gleich die Sonne aufgehen. Es nieselt leicht. Ich hasse dieses Wetter, wenn es gleichzeitig kalt aber auch schwül ist, und wenn man die Jacke auszieht friert und wenn man sie anlässt schwitzt. Ich habe einen unglaublichen Durst, aber natürlich nichts zu trinken bei mir. Auf dem Kopfsteinpflaster bilden sich Pfützen. Ich muss mir immer vorstellen wie es ist dieses Pfützenwasser zu trinken. Verlockend.
Vorne an der Kreuzung, taucht jetzt ein Mann auf und kommt mir entgegen. Ich wechsele auf die andere Straßenseite. Zu meinem Entsetzen wechselt der Mann auch. Ansonsten ist niemand hier und es ist komplett still. Kein Auto fährt durch die Straße. Man hört nur ein dumpfes Brummen, von dem ich nicht weiß woher es kommt.Der Mann steht mittlerweile direkt vor mir. Komisch das ich auch einfach stehen bleibe, aber ich bin gespannt was er von mir will. Ich weiß nicht was ich sagen soll, ich stammele etwas, bin dann aber wieder still.
Von dem Kotzegeruch, der von ihm ausgeht, kommt mir selber die Kotze hoch, schlucke sie aber wieder runter. Ich muss mir unwillkürlich vorstellen, wie ihm Kakerlaken aus dem Mund huschen und dann schnell irgendwo hinter seinem Kopf verschwinden. Nachdem wir uns einfach nur so ein paar Augenblicke angeschaut haben, greift er mit seiner Hand in die Jackentasche und zieht etwas langsam heraus. Ich versuche zu erkennen was es ist. Mir gehen tausende Sachen durch den Kopf was es sein könnte. Darunter natürlich so nahe liegende Dinge wie ein Messer. Unverständlicherweise muss ich mir aber auch vorstellen wie er eine Paprika oder anderes Gemüse aus seiner Jacke zieht.  Mir ist schwindelig.
Ich sehe jetzt aber,  dass er ein Stück Papier in der Hand hält auf dem irgend ein Straßenname steht. Er deutet immer wieder mit dem Finger auf die Adresse und gibt dabei nur komische Laute von sich. Warum spricht er nicht mit mir? Ich würde ihn gerne verstehen. Vielleicht spricht er eine andere Sprache, oder er ist stumm, oder verrückt,  oder aber er weiß gar nicht was er hier überhaupt macht.
Nachdem ich lange auf das Papier geschaut habe, zeige ich in irgendeine Richtung, schiebe mich an dem Mann vorbei und torkle um die nächste Häuserecke, wo ich mich endgültig übergeben muss. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch wie er mir regungslos nachschaut.

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