Mittwoch, 15. Dezember 2010

3. Geschichte: Gefängnis

Ok liebe Leute, es ist soweit. Hier die dritte Geschichte:

                     
                                                Gefängnis


Am schlimmsten hier drin ist das Licht.
Dieses ewig gleiche, milchig gelbe, unnatürlich grelle, summende Licht. Wenn man nicht aufpasst, kann einen das wirklich fertig machen und im wahrsten Sinne das Wortes in den Wahnsinn treiben.
Ist das nicht eigentlich schon Folter?
Ansonsten lässt es sich hier aber aushalten. Ich weiß wirklich nicht, warum jeder derart Schiss vor dem Knast hat. Um ehrlich zu sein, hatte ich es schon lange nicht mehr so bequem. Ich habe ein richtiges Bett, muss mir kein dummes Gerede von irgendjemanden anhören und habe zwei warme Mahlzeiten am Tag.
Das ist wesentlich mehr, als ich draußen von mir behaupten konnte.
Das einzige was mir anfangs etwas Angst gemacht hat, war die Langeweile. Doch man findet immer etwas um sich zu beschäftigen.

Neuerdings liege ich die meiste Zeit auf meinem Bett, und versuche die Fliegen an meiner Decke zu zählen, von denen immer erstaunlich viele direkt über mir sitzen. Das ist gar nicht so einfach, da alle immer schnell hin und her zulaufen scheinen. Eine wabernde Masse aus kleinen, schwarzen Punkten. Spannend.
Zählen ist allgemein ein guter Zeitvertreib. So gut wie alles lässt sich zählen. Zum Beispiel die Minuten die zwischen den Mahlzeiten liegen. Ich versuche mir dann immer die Differenz zum Vortag zu merken und einen Mittelwert auszurechnen. Auf das Quietschen des Wagens freue ich mich auch und bin immer fast ein wenig traurig wenn es im Gang vor meiner Zelle verhallt. Die meiste Zeit liege ich aber mit halb geschlossenen Augen auf meinem Bett und döse vor mich hin. Es ist faszinierend wie lange man sich mit den zusammenhangslosen Gedanken beschäftigen kann, die kurz vor dem Einschlafen über einen hinweg spülen. Oft liege ich tagelang einfach nur so da.
Wenn ich auf dem Klo sitze, stellt sich manchmal ein Wärter direkt vor meine Zellentür, und schaut mir von dort so lange grinsend zu, bis ich fertig geschissen habe. Dabei stelle ich mir vor, wie ich ihn am Hinterkopf packe, und seinen Kiefer mit voller Wucht auf die Kloschüssel donnere. Ich will ihm seine komplette Fresse einschlagen.
Solche Gedanken sind auch eine Möglichkeit die Zeit rumzukriegen.
In irgendeiner Nacht wache ich auf. Zuerst bemerke ich gar nicht was anders ist. Doch dann wird es mir klar. Ich sehe nichts. Es ist völlig dunkel. Kein Licht mehr, kein Summen mehr. Es ist als wäre ein tonnenschweres Gewicht von mir genommen worden. Unglaublich. Von dieser absoluten Stille tun mir fast schon die Ohren weh. Ich überlege was jetzt zu tun ist. Dabei laufe ich auf und ab, wobei ich leicht die Metallstangen meiner Zellentür streife. Ungläubig bemerke ich, wie sie langsam aufschwingt. Ich kann mich nicht rühren und starre sie einfach nur an. Um mich zu vergewissern mache ich die Tür ein paar mal auf und zu. Ich gehe durch sie hindurch.

Umso weiter ich den Gang vor meiner Zelle hinunter gehe, um so heller wird es. Aber nicht viel. Das ganze Gefängnis scheint in einem Halbdunkel zu liegen. Dazu kommt eine wirklich absolute Stille. Ich kann mich nicht erinnern wann ich so etwas zuletzt gehört habe. Oder viel mehr nicht gehört habe. Ich laufe durch das ganze Gefängnis. Anfangs rufe ich noch nach den Wachen oder anderen Menschen, aber mir wird bald klar, dass hier ansonsten niemand mehr ist. Alle Zellen sind leer und alle Türen sind offen. So laufe ich durch das ganze Gefängnis. Durch jeden Korridor, und durch jede Etage. Wie viel Etagen hat es eigentlich? Egal. Ich versuche wenigstens einmal alles abzulaufen. Es ist sehr kalt. Es scheint immer kälter zu werden. Während ich laufe bilden sich kleine Atemwölkchen vor meinem Mund. Merkwürdig sind auch die wenigen Fenster an denen ich vorbei komme. Auf der anderen Seite des Glases scheint es komplett schwarz zu sein. Nicht so als wenn es Nacht wäre, sondern wirkliches, undurchdringliches Schwarz, als hätte jemand die Fenster angemalt. Trotzdem ist es nicht komplett dunkel, sondern das ganze Gebäude befindet sich in einem permanenten Dämmerzustand. Ich bin nicht beunruhigt das hier ansonsten niemand ist. Ich bin aber auch nicht neugierig was noch kommen mag. Eigentlich empfinde ich gar nichts. Ich laufe automatisch, fast wie in Trance durch die verwinkelten Gänge. Auf diese Art hätte es noch ewig weiter gehen können bis ich beim Laufen gestorben wäre.

Soweit ist es dann doch nicht gekommen. Ich werde von einem Hund aus meiner Trance gerissen, der in etwa fünfzig Meter Entfernung, aus dem rechten Gang einer Kreuzung getrottet kommt. In der Mitte der Gangkreuzung bleibt er stehen und schaut mich direkt an. Ich bleibe auch stehen. Er ist sehr dürr, so das man seine Rippen sieht, und hat schütteres, braunes Fell. Wie kommt ein Hund in ein Gefängnis? Aber eigentlich wundere ich mich nicht. Ein paar Augenblicke später läuft er hechelnd weiter, wobei ihm die Zunge aus dem Hals hängt. Ich biege an der Kreuzung links ab um ihm nach zu laufen. Was aber gar nicht so einfach ist, da er immer schneller zu werden scheint. Irgendwann muss ich richtig rennen um ihn nach einer Abzweigung nicht zu verlieren, was aber natürlich passiert.

Ich stehe in einer Sackgasse. Vor mir nur eine graue, feuchte, nichtssagende Wand mit Schimmelflecken, die sich nach oben hin im Dunkel verliert.
Ich überlege wieder was ich jetzt machen soll. Ich tue das einzige was mir vernünftig erscheint. Ich gehe zurück zu meiner Zelle und lege mich wieder ins Bett. Dieses Paradies lasse ich mir nicht nehmen. Das Licht geht wieder an.







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